Kapitulation als Zwangsläufigkeit

All you see will guide you, das höre ich gerade in gesungener Form und vielleicht ist das gar nicht falsch oder dumm, aber wann hat mich Kultur schonmal einen Schritt weiter gebracht? Immer? Nie? Manchmal? Gute Frage, besser als die möglichen Antworten jedenfalls.

Überhaupt, dass das schon wieder ein Text werden soll hier, der Text steht meinem Schreiben nur strukturell im Weg. So ein Satz, über den ich mal zwei Nächte schlafen müsste, mindestens, zwei Tage auch, vier Tage und Nächte schlafen, dann wüsste ich vielleicht ob der Satz Sinn macht und welcher Sinn das dann wäre. So muss ich mich mit dem Klang begnügen, der ist okay, und der Text noch jung, ich kann hier nicht ewig verweilen.

Ich erlebte jüngst einen Moment totaler Kapitulation, der mich in seinem Ausmaß schon frappierte. Womöglich fließt schon systemtheoretisches Blut durch meine Adern (oder es ist ganz anders). Die Kapitulation war die davor, mich an einer Entwirrung einer womöglich vertrackten Beziehung zu beteiligen. Chaos der Beobachtungsebenen: Bevor es mir möglich gewesen wäre, auch der Beobachtungsebene etwas zu entwirren, schossen unendlich viele Vorstufen dazwischen. Geistiges cut and paste and paste and paste. So lohnt sich das alles ja nicht mehr, denn die Frage, ob sich das Nachdenken über das Nachdenken über das Nachdenken etc. lohne, kann unterlassen werden, nur ist sie eben die, die sich mir stellt.

Schon der bloße erste kurze Gedanke, das Problem mit einem anderen Menschen zu lösen, flößte mir nackte Furcht ein. Für eine Lösung eines Problems müsste ich dem Gegenüber etwas unterstellen und selber an die Richtigkeit dieser Unterstellung glauben, dann, weil wir uns ja nichts böses wollen, diese Unterstellung argumentativ zur Disposition stellen. Mit dem Ergebnis, da wir uns ja nichts böses wollen, dass sich der Vorwurf auflöst, es bleibt nicht mehr viel, nur breiiger Konsens, alles falsch verstanden, kann man so sehen, ich verstehe, war ja alles nicht so gemeint, und überhaupt: wir wollen uns ja nichts böses. Warum eigentlich nicht?

Ich las das Wort „Partyphysik“ in einem Buch und bin mir seither sicher, der Erschließung grundlegender Problematiken generell und pauschal einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Partyphysik, das muss es ja sein. Schön, was man so glaubt, wenn man getrost auf Argumente und Wahrscheinlichkeiten verzichtet.

Immerhin hat man mittlerweile die Gewissheit, dass so etwas wie ein „Standpunkt“ in einem binär kodierten Diskurs nicht mehr möglich ist. Das wurde nun schon bis zur Lächerlichkeit durchgespielt und denke ich in dieser Sekunde „a“, so denke ich „Gegenteil von a“ schon immer mit, noch in der gleichen Sekunde. Das Themenpaket ist komplett: These, Antithese, Synthese, suchen Sie sich ihren Standpunkt aus, vermeiden Sie Kopfschmerzen, lassen Sie es sich gut gehen, besser gut als schlecht, warum ist das eigentlich so?

Die Unterstellung an mein Gegenüber, etwas „so gemeint“ zu haben, ist eine Frechheit und eine Dummheit, beides vielleicht zu gleichen Teilen, ich muss das nicht tun, ich sollte das vermeiden, ich sollte schweigen und schlafen, mein Gegenüber auch, erst Recht sogar. Wer einen Satz mit „Ich denke“ einleitet, hat kein Recht auf eine Antwort mehr, die kann er weder beanspruchen, noch hat er sie verdient.

Es nimmt seinen Lauf, die Suche nach Beweisen und Belegen in Sätzen des Gegenüber, die Spurensicherung rückt an: Hier schrieb er das, dort sagte er jenes, das alles sei so zu deuten, klarer Fall, warum macht er das, wenn er das nicht meine? Der Gegenüber kann dann relativieren, sich auf anderes Berufen, Argumente werden gebaut und wieder eingepackt, beide werden müde und wahrscheinlich milde, der Konsens lockt mit einem weichen Bett für beide, der Irrsinn auch, da kann ich nicht mitmachen, aber was kann ich dann? Nicht viel, genau.

Meine Probleme sind die Probleme von mir, weshalb ihr Name auch zutrifft, andere Leute haben andere Probleme. Jeder kann jeden für alles verantwortlich machen, wie er will. Allein: Bitte nie vergessen, dass das alles beobachtbar ist, beobachtet wird. Tendenziell von allen sogar. Wem das nicht schrecklich aufs Gemüt drückt, der kann ja woanders weitermachen.

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